Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Vor einigen Tagen hatte ich dazu aufgerufen, mir Eure Bilder zur Kritik einzuschicken (und das gilt weiterhin!).
Gleich mehrere Fotografen sind dem Aufruf in kürzester Zeit gefolgt.

Sehr schön finde ich auch, dass das Niveau der eingesandten Arbeiten sehr unterschiedlich ist. So kann ich hoffentlich Tipps und Hinweise geben, die einem großen Teil meiner Leserschaft auch helfen.

Wir beginnen mit einem Bild von Jürgen, der mir seine Arbeit mit folgender Beschreibung übersandte:

  • aus den ganzen Bildern, die ich an dem Tag gemacht habe, gehört das zu jenen, das mir am besten gefällt.
  • Ich habe indirekt mit einem Diffusor geblitzt um zu starke Reflexionen auf der Haut, aber auch zu starken Schatten, zu vermeiden. Der Kampf mit dem Schatten war dabei das Schlimmste! icon wink Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien
  • Bild wurde nachträglich nur soweit bearbeitet, dass ich die Haut etwas geglättet, Zähne aufgehellt und im Bild allgemein die Helligkeit etwas erhöht habe. Bei der Hautglättung war ich nie sicher, wie weit schaut es gut aus und ab wann wird es kitschig.

20101219Shooting Susi 800x533 Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Zum Bild gibt es aus meiner Sicht eine Menge zu sagen. Anfangen möchte ich mit 2 sehr typischen Anfängerfehlern.

Das erste Problem ist der Bildaufbau. Laut allgemeiner Regel ist das Motiv nie mittig zu platzieren, da das aus ästhetischer Sicht wenig ansprechend ist. Viel besser wirkt eine Aufteilung gemäß des goldenen Schnitts oder, vereinfacht, nach der Drittel-Regel.

20101219Shooting Susi Drittel 800x533 Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien
Natürlich gibt es Ausnahmen von dieser Regel, z.B. wenn eine Symmetrie besonders herausgestellt werden soll.

CK 260310 0139 Web Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Bei manchen Bildern kann eine mittige Positionierung des Motivs funktionieren - das ist aber eher die Ausnahme.

In unserem konkreten Fall beim Bild von Jürgen ergibt sich links wie rechts des Gesichtes “toter”, ungenutzter Raum – auch eine Verschwendung von Auflösung. Eine andere, deshalb häufig zu empfehlende und praktizierte Lösung ist das Verwenden des Hochformats für Portraits. Damit ergibt sich meist eine viel bessere Ausnutzung der Kameraauflösung. Bildwichtiger Teil sind immer die Augen, die wieder nicht in der Mitte sondern z.B. im oberen Drittel platziert werden sollten.
Soll das Format (und das Bildverhältnis) beibehalten werden, ist ein Beschnitt der sich an der 2/3-Regel orientiert sinnvoll.

20101219Shooting Susi hoch 233x350 Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Besserer Bildaufbau Variante 1: Hochformat (Beschnitt)

20101219Shooting Susi ZweiDrittel 350x233 Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Besserer Bildaufbau Variante 2: Zwei-Drittel-Regel (Beschnitt)

Fehler Nummer 2 findet sich nicht nur im Bild, sondern vor allem in Jürgens Beschreibung. Er wollte [alle] Schatten vermeiden, “kämpfte” regelrecht gegen die Schatten.

Viele Anfänger glauben, ein möglichst schattenloses Bild ist ein gutes Bild.
Dabei wirkt ein Bild “ohne” Schatten vor allem flach und langweilig. Entscheidend ist nicht, Schatten komplett zu eliminieren, sondern sie gezielt einzusetzen.
Wenn man von “Lichtführung” spricht, könnte man ebenso “Schattenführung” sagen. Denn schon ein altes Sprichtwort lehrt, dass es kein Licht ohne Schatten gibt.
Wichtig ist, Schatten wie Licht gezielt zu formen und einzusetzen und somit Strukturen und Formen zu verstecken oder zu betonen.

IMG 3129 Web Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Dieses auf den ersten Blick vermeintlich schattenlose Bild lebt vom Spiel von Licht und Schatten auf der Haut des Models - mal genau hinschauen!

Jürgen möchte offensichtlich eine möglichst schmeichelhafte Darstellung der abgebildeten Person, das zeigt seine Retusche und die Wahl der eher poppig-bunt und jugendlich wirkenden Farbgestaltung.

Dabei hat er es sich mit der Wahl seines Modells aber nicht unbedingt einfach gemacht. Offensichtlich ist es keine 20 mehr, deutlich Fältchen und andere Alterszeichen sind – auch nach der Retusche – recht offensichtlich. Das macht es, gerade für den Anfänger, deutlich schwieriger ein dem optimalen Schönheits- (und Jugend-)ideal nahekommendes Bild zu erschaffen.
Damit will ich nicht sagen, dass nicht auch ältere Modells fotografiert werden sollten oder dafür taugen. Der Fotostil (inkl. Bearbeitung) sollte dann aber auch zum Modell passen – oder man wendet mit viel Geschick und Erfahrung die richtigen Tricks an, was eben für Anfänger kaum zu meistern ist.

Zu den richtigen Tricks gehört weiches Licht, das aber nicht vollausleuchtet sondern eben die Gesichtsstrukturen und -merkmale gezielt kaschiert oder verstärkt. Merke: Weiches Licht heißt nicht zwingend diffuses, ungerichtetes Licht!
Zu diesen Tricks gehören auch ein fein abgestimmtes, typgerechtes Make-up (das hilft auch gegen Reflexe auf der Haut) und ein stilsicheres oder neutrales Ambiente.
Man kann über den aquamarin-farbigen Hintergrund sicher streiten, aber mir gefällt er nicht. Viel zu bunt, zu hell und zu sehr nach Aufmerksamkeit schreiend ist er.

Auf die Beleuchtung möchte ich noch ein wenig mehr eingehen. Das Foto wirkt, entgegen Jürgens Beschreibung, eher so als sei mit einer direkten, recht harten Lichtquelle beleuchtet worden. Das Licht war zudem fast frontal (ein wenig höher als frontal) positioniert. Dafür sprechen der recht klare Schatten unter dem Kinn und der im Auge reflektierte Lichtpunkt. Bei einer indirekten Lichtquelle wäre das Licht nicht auf das Model, sondern z.B. auf eine Wand gerichtet gewesen, die das Licht gestreut hätte. Der Augenreflex hätte dann in etwa die Form dieser Wand wiedergegeben.
Das einem eingebauten Kamerablitz nahe kommende Licht gehört zu den unschönsten Ausleuchtungen, wenn man sich nicht gerade an High Fashion-Aufnahmen mit jungen, erfahrenen Models versucht (und selbst dann wäre es nicht meine 1. Wahl).
Ich vermute, Jürgen hat mit einem Diffusor versucht, dieses Licht weicher zu machen – leider mit wenig Erfolg.

20101219Shooting Susi Beleuchtung 800x533 Bildkritik 1: Portrait von Jürgen aus Wien

Mit rot habe ich markiert, was auf das direkte, harte Licht hinweist. Die lilafarbene Markierung umreisst den Kopfschatten.

Das die Position des Lichtes nicht optimal gewählt war, sieht man auch am dunklen Fleck hinter dem Modell. Dabei dürfte es sich um den (Kopf-)Schatten des Modells handeln. Um das zu verhindern, hätte das Licht höher oder deutlich mehr seitlich platziert werden müssen. Ausserdem empfiehlt es sich, das Modell weiter vom Hintergrund weg zu positionieren. So würde der Schatten ausserhalb des Bildausschnitts oder (aus der Perspektive unsichtbar) hinter dem Modell projeziert.

Ein Tipp zum Posing:
Dreht das Modell den Kopf und die Schultern ein klein wenig weiter zur Kamera (es geht hier nur um wenige cm), sind die Augen besser zu sehen und das Modell wirkt etwas präsenter. Hier scheint die Körperhaltung ein bißchen so, als sei das Modell vom Fotografen kurz von etwas anderem (links ausserhalb des Bildes) abgelenkt worden, um ein schnelles Foto zu machen.

Es bekommt, zusätzlich zur Beleuchtung, dadurch noch mehr “Schnappschusscharakter” und wirkt weniger wie ein gezielt gestaltetes Bild.

Als letztes möchte ich noch kurz auf technische Aspekte des Bildes eingehen.
Das Foto wirkt relativ unscharf/verwaschen (auch die unbearbeitete Variante, die Jürgen mir ebenfalls zur Ansicht überlassen hat), was auf ein minderwertiges Objektiv und eventl. schlechte Qualität der JPEG-Wandlung/-Komprimierung hindeutet.
Zum anderen resultiert die Unschärfe aus der Zeit-/ Blendenkombination, die ich den EXIF-Daten entnehmen kann. Blende 4 ist selten das Optimum für die Leistung eines Objektives und zudem befindet sich nur das hintere (von uns aus linke) Auge noch in ausreichendem Tiefenschärfebereich. Bei einer so starken Kopfdrehung und so geringem Motivabstand reicht die Tiefenschärfe bei dieser Belnde nicht aus, um beide Augen scharf wiederzugeben.
Zusammen mit der relativ langen Verschlusszeit von 1/60 ergibt sich ein weiteres Problem: Es ist wahrscheinlich, dass das Bild ebenfalls verwackelt wurde. Jürgens Auskunft nach gab es recht viel Umgebungslicht zur Zeit der Aufnahme. Bei den Kameraeinstellungen ist anzunehmen, das ein Teil davon in die Belichtung des Bildes mit eingeflossen ist.
1/60 ist für die Brennweite von 97 mm jedoch zu lang, um sicher verwacklungsfreie Aufnahmen zu erhalten.

Damit bin ich voerst am Ende der diesmal ziemlich umfangreichen Bildkritik angelangt. Ich hoffe, Jürgen nimmt es nicht zu hart auf und er und Ihr konntet etwas daraus mitnehmen.