Bildkritik 3: Fashion-Aufnahme von Markus

Ihr erinnert Euch sicher an meine Aktion, mir Eure Bilder zur Kritik einzuschicken. Es gab dazu bereits Kritiken hier und hier. Ein weiterer Leser hat zudem die Gelegenheit genutzt, gegen […]

Ihr erinnert Euch sicher an meine Aktion, mir Eure Bilder zur Kritik einzuschicken. Es gab dazu bereits Kritiken hier und hier. Ein weiterer Leser hat zudem die Gelegenheit genutzt, gegen Gebühr zeitnah eine individuelle Bildkritik ohne Veröffentlichung zu bekommen. Wie ich bereits berichtet habe, sind leider fast alle noch nicht veröffentlichten Einsendungen (bis auf diese hier) durch einen Computerfehler verloren gegangen. Soll die Aktion also weitergehen, schickt mir neue Bilder!

DSC 7007 var1 239x350 Bildkritik 3: Fashion Aufnahme von MarkusBild Nummer 3 kommt von Markus.

Markus schreibt zum Bild:

Das Bild entstand während der Photokina 2010 in Köln zusammen mit Jelena aus der MK.
Location selbst war ein Mietstudio in Köln.

Tiefergehende Infos gibt es zu dem Bild eigentlich nicht.

Nun also ohne langes Vorgeplänkel direkt zu meiner ausführlichen Kritik.

Der Bildaufbau orientiert sich, was die vertikale Aufteilung angeht, lose an der 2/3-Regel bzw. dem goldenen Schnitt. Ich würde soweit gehen zu behaupten, daß das immer ein guter Grundbaustein ist, der bei den meisten Bildern (vor allem von einzelnen Personen) passt. Natürlich gibt es da Ausnahmen, zu denen ich dieses Bild aber nicht zählen würde.
Geht man davon aus, daß es sich um eine Aufnahme zur Präsentation der Kleidung (vor allem der Jacke) handelt, ist einerseits der über dem Model kaum vorhandene Platz nicht zu wenig, andererseits die Jacke im Bild vielleicht schon einen Tick zu tief.
Zur Erinnerung: bei der Zwei-Drittel-Regel bzw. dem goldene Schnitt bekommt besonders das Bildelement im Drittel (oder eben im goldenen Schnitt) erhöhte Aufmerksamkeit. Das gilt hier wohl vor allem für den Mund. Die Augen, normalerweise das wichtigste in Portraits, liegen zu hoch. Die Jacke, ein zentrales Element in einer Modeaufnahme, liegt hingegen noch etwas zu tief. Natürlich ist bei einem so großen und platzeinnehmenden Element wie der Jacke im Gegensatz zu den Augen schwer zu sagen, wann sie nun “ausreichend” richtig platziert ist. Hier hilft nun ausprobieren und herantasten – und der persönliche Geschmack spielt eine wichtige Rolle. Unten habe ich mal meine Schnittvariante angefügt (ohne Rahmen), in der auch die Drittellinien markiert sind. Dort mag manchen der angeschnittene Kopf stören.
Das Hochformat passt zu Bild, Pose und Model. Ein Querformat, das Platz z.B. für Text lassen würde, wäre aber ebenso denkbar. Durch den einfarbigen und sehr gleichmäßigen Hintergrund ist das aber auch in der Bearbeitung noch recht einfach nachträglich zu ergänzen.

DSC 7007 var1 AndererSchnitt Bildkritik 3: Fashion Aufnahme von Markus
Zur Lichtführung hat uns Markus nicht viel verraten. Also bleibt uns nur die Bildanalyse. Dabei helfen grundsätzlich immer drei Dinge besonders: gut sichtbare Schatten, der Augenreflex (“Catchlight”) und Lichthöfe. Wirklich zuverlässig geht das allerdings nur am unbearbeiteten Bild, denn einige wichtige Faktoren könnten in der Post verändert worden sein.
Die Augen sagen uns, daß von (mehr oder weniger) vorn nur ein Licht benutzt wurde. Zusammen mit dem deutlich sichtbaren Nasenschatten erraten wir auch deren Position: etwa auf Höhe des Modell-Halses/-Décolletés, vom Fotografen aus rechts.
Die Höhe des Lichtes ist nicht optimal. Zum einen läßt sie viele Strukturen und Formen, wie z.B. das Kinn, sehr flach erscheinen. Zum anderen ist das auch der Grund dafür, warum der Nasenschatten so prominent über dem Gesicht liegt und sogar einen Teil des Auges abdeckt. Im Dekoltée ist ähnlich unschönes zu erkennen.
Ich möchte betonen, dass ich nicht unbedingt zu den Leuten zähle, die Nasen- oder Kreuzschatten ZU kritisch beäugen. In diesem Fall fällt ersterer aber leider doch negativ auf. Schatten sind generell (und ich weiß das ich mich da wiederhole) essentiell für fast jedes Bild, denn sie schaffen Plastizität, Hervorhebung und Abtrennung. Schattenvermeidung kann deshalb (in der Regel) kein Ziel guter Photographie und Ausleuchtung sein – wohl aber das Wahren der Kontrolle über die Schatten. Das könnte in diesem Bild besser ausfallen.
Die Lichthöhe, die ich hier als Nachteil aufführe, kann man unter Umständen auch als Vorteil benutzen (auf Kopfhöhe). Die Hautporen werden gut ausgeleuchtet und erscheinen somit ebenmäßiger. Bei einer Beauty-Aufnahme kann das gewünscht sein. Als solche würde ich dieses Bild aber nicht ansehen.

Das Licht scheint leider auch am Modell “vorbei zu schießen”. So ist zumindest zu erklären, warum die (von uns aus) linke Hand viel heller ist als die Haut am Bauch oder an der anderen Hand. Hier sieht man einen starken Lichtabfall. Offenbar liegt der “Hotspot” des Lichtes eher auf der hellen Hand.
Das das Licht ziemlich “hart” ist, sieht man vor allem an den recht scharf gezeichneten Schatten und auch and em schnellen Lichtabfall vom “Spot” zum Rand hin.

DSC 7007 Bildkritik 3: Fashion Aufnahme von Markus

Bildkritik - Das unbearbeitete Original von Markus

Ich habe bereits über “Licht- bzw. Schattenkontrolle” geschrieben. Das Bild ist ein gutes Beispiel, warum geeignetes “Werkzeug” dafür so hilfreich ist. Ein Blitzbelichtungsmesser hätte mit 2 bis drei verschiedenen Messungen an verschiedenen Stellen des Modells schnell für Klarheit über die Helligkeitsverteilung gesorgt. Der Kontrolle des Bildkontrastes ist in diesem Fall ebenso sehr schwierig, mit dem hellen Hintergrund, den teilweise weißen Fellapplikationen, der recht gebräunten Haut des Modells und dunklen Kleidungsteilen. Das sind sehr viele verschiedene Helligkeitsstufen, die zusammen auf ein Bild gebannt werden müssen. Für falsche Belichtung gibt es da bei der Aufnahme eigentlich gar kein Spiel. Gerade bei solchen Bildern aber kann das Vorschaubild am Monitor täuschen. In den meisten Fällen belichtet/beleuchtet man das Motiv dann zu dunkel und den Hintergrund zu hell, wie auch hier geschehen.
Der Weißabgleich bzw. die Hauttonfarbe liegt ebenfalls etwas daneben. Farbkarten/-tafeln, die man für eine Aufnahme ins Bild hält, helfen bei der späteren notwendigen Korrektur. Um das zu erkennen, ist allerdings auch ein farbstabiler und kalibrierter Monitor notwendig.

DSC 7007 Farbkorrektur Bildkritik 3: Fashion Aufnahme von Markus

Bilkritik - Hier habe ich mich an einer groben Kontrast- und Farbanpassung versucht. (natürlich behebt das noch nicht die ungleiche Lichtverteilung)

Der Hintergrund wurde ebenfalls angeblitzt. Da das Modell anscheinend noch recht nah an diesem Hintergrund steht (und die Stärke des Blitzes dafür anscheinend etwas zu hoch ist), ergeben sich auch die Lichtkanten an den Seiten des Modells. Sie “verschlanken” das Modell optisch noch weiter und separieren etwas vom Hintergrund. Da dieser im unbearbeiteten Bild jedoch völlig weiß ist und das Modell bereits sehr schlank, wäre das zum Aufnahmezeitpunkt allerdings nicht notwendig gewesen. Einen Nachteil sehe ich darin aber sonst nicht.

Der Bildstil wirkt , vor allem durch den Hintergrund, größtenteils sehr hell, aber leider in sich nicht 100% stimmig. Markus hat das offenbar selbst erkannt und versucht, das durch die Bearbeitung etwas abzumildern. So wurde aus dem reinweißen Hintergrund ein hellgrauer und das Modell selbst aufgehellt, um die Elemente näher aneinander zu führen. Diese Überlegung ist sicher richtig.
Leider passt zum dunkelhaarigen Modell mit den schwarzen Hosen und dem teilweise dunklen Oberteil kein so heller Bildstil, auch in abgeschwächter Form. Ein dunkleres Szenario (z.B. mit dunkelblauem oder braunem Hintergrund) hätte hingegen die Fellapplikationen der Jacke viel besser herausgestellt und somit das Outfit betont.

Das Make up ist relativ dezent, womit es nicht zu stark vom Outfit ablenkt und es passt durchaus zum Typ des Modells.

Fehler im Styling gibt es aber auch. So trägt das Modell viel zu viel Schmuck, der darüberhinaus auch wenig dezent ist. Schmuck sollte, wenn er nicht der eigentliche Bildgegenstand ist, bei einer Modeaufnahme höchstens das Outfit ergänzen oder komplettieren, auf keinen Fall aber damit konkurrieren oder davon ablenken. Das wurde hier leider nicht beachtet. 2 Ketten, riesige Ohrringe, 2 Ringe und ein Armband sind bedeutend zu viel.

Über die Retusche möchte ich nicht allzu viele Worte verlieren, denn ich bin ja in den einzelenen Abschnitten schon ein wenig darauf eingegangen.
Markus hat versucht, die gröbsten Probleme zu lösen. Die Haut des Modells wurde stark aufgehellt, der Hintergrund dafür abgedunkelt. Das mildert etwas die starken Kontraste im Bild und hilft, wie schon erwähnt, ein klein wenig dem Bildlook. Die zu helle Hand fällt noch immer auf, sonst ist die Fehlerkorrektur im Rahmen der Möglichkeiten ganz gut gelungen. Das Augenweiß ist mir allerdings zu hell und “strahlend” geworden. Die Haut hätte im Detail betrachtet, noch ein klein wenig Ausbesserung vertragen können. Die “Weichheit” des Originals (u.a. bedingt durch das verwendete Objektiv) wurde durch ein gezieltes Nachschärfen ganz gut behoben.

Ein paar Worte zum Schluß: Im Text sind viele Kritikpunkte zu lesen. Das liegt jedoch nicht daran, daß wir hier ein schlechtes Bild haben. Es ist nur ein gutes Beispiel dafür, wie viele teils sehr kleine Fehler und Problemchen dazu beitragen können, den Bildeindruck im gesamten zu schmälern. Eine Schwierigkeit gerade in der Modephotographie ist es, auf all die vielen Details zu achten, die Gewichtungen richtig abzuschätzen und Schwerpunkte gezielt zu setzen. Allein ist das oft gar nicht mehr zu schaffen, Teamwork heißt die Devise.

Damit bin ich wieder am Ende der Bildkritik angelangt. Ich hoffe, sie war hilfreich für Markus und Euch.

Ich freue mich über Feedback in den Kommentaren!